Kultur im Ohlsenhaus

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Das Ende einer Ära: 17 Jahre „Kultur im Ohlsenhaus“

Mit der stimmungsvollen Lesung der Friedrichstädter Autorin Liv Haym, begleitet von berührenden Klängen des Gitarristen Thomas Reichardt, in der Stapler St. Katharinen-Kirche endete die traditionsreiche Veranstaltungsreihe „Kultur im Ohlsenhaus“. Die Schließung und der geplante Verkauf des Ohlsenhauses nehmen dieser beliebten Literatur- und Musikreihe die einzigartige Spielstätte. Damit ist eine Ära beendet, der bisherige Programmverantwortliche Heinz Warnecke gibt nach neun Jahren sein Amt ab.

Wenn wir auf die 17 Jahre „Kultur im Ohlsenhaus“ zurückblicken, kommen viele Erinnerungen hoch an interessante Künstlerinnen und Künstler, an prominente und bislang unbekannte Autoren, an Lachen und manchmal auch Weinen beim Publikum und an kräftigen Applaus in der Lohdiele des historischen Anwesens.

Einiges musste zusammenkommen, damit diese hochkarätige Veranstaltungsreihe möglich wurde. Das Ohlsenhaus war im Jahr 2005 von der Gemeinde Süderstapel gekauft und saniert worden und wartete auf eine vernünftige Nutzung. Der langjährige Literatur-Manager Dr. Eberhard Reimann hatte Süderstapel als Altersruhesitz gewählt und es reizte ihn, auch im Ruhestand seine Netzwerke zu nutzen, um Künstler aus Ost und West nach Stapel einzuladen.

Der Anfang war bescheiden und von Hindernissen begleitet. Am 29. Januar 2006 startete Marie-Luise Marjan, die Starschauspielerin aus der Lindenstraße, mit der Lesung im bitterkalten Ohlsenhaus. Das ging nicht lange gut. Kurzentschlossen zog die Zuhörerschar samt Autorin in das benachbarte Café um, dort war es gemütlich warm. Aufgrund dieser Erfahrung wurden die Lesungen in den Folgejahren in den Zeitraum Mai bis September gelegt. 2006 war „Mutter Beimer“ noch Einzelkämpferin. Sie öffnete aber die Tür für einen überwältigenden Erfolg der Reihe „Literatur im Ohlsenhaus“.

In den Folgejahren lud Reimann Autorinnen und Autoren ein, die er aus seinem Berufsleben kannte, darunter viele Größen aus dem Literatur- und Showbetrieb der ehemaligen DDR. Um nur einige Namen zu nennen: Peter Sodann, bekannt als Tatort-Kommissar Bruno Ehrlicher, hätte nach seinem begeistert aufgenommenen Auftritt im Ohlsenhaus und dem anschließenden Umtrunk mit Bürgermeister und Immobilienmakler Ingo Endler fast ein Häuschen in Süderstapel gekauft; Hermann Kant (1926-2016), ehemaliger Präsident des Schriftstellerverbandes der DDR und wegen seiner Regimenähe nicht unumstritten, war genauso zu Gast wie Winfried Glatzeder, Hauptdarsteller des DDR-Kultfilms „Die Legende von Paul und Paula“. Unvergessliche Höhepunkte im übervollen Ohlsenhaus waren in den Reimann-Jahren zweifellos die Lesungen von Hellmuth Karasek, berühmt geworden durch seine Auftritte im „Literarischen Quartett“ an der Seite von Marcel Reich-Ranicki, von der langjährigen Moskau-Korrespondentin der ARD Gabriele Krone-Schmalz und von dem ehemaligen Spiegel-Chef Stefan Aust mit seinem Bestseller „Der Baader-Meinhof-Komplex“.

Eberhard Reimann musste im Jahr 2012 aus gesundheitlichen Gründen aus Stapel fortziehen. Wie sollte es ohne ihn weitergehen? Ingo Endler und Reiner Langbehn waren entschlossen, die Reihe fortzusetzen, auch die nachfolgenden Bürgermeister unterstützen das Projekt. Einige Aktive wie Chup Friemert und Susanne Weiß, später das Team um Heinz Warnecke, wagten es, in die großen Fußstapfen zu treten, die Reimann hinterlassen hatte, und wurden dann auch vom Sport- und Kulturausschuss der Gemeinde mit der Programmgestaltung beauftragt. Es gab neue Schwerpunkte: Aus „Literatur im Ohlsenhaus“ wurde „Kultur im Ohlsenhaus“, mehr regionale und plattdeutsche Künstler wurden eingeladen, neben der Literatur spielte auch die Musik eine größere Rolle.

Tatsächlich gelang es in den nächsten Jahren, ein abwechslungsreiches Programm aufzustellen. Namhafte Autorinnen und Autoren kamen ins Ohlsenhaus, darunter Jochen Missfeldt, Jan Christophersen, Arno Surminski, Mareike Krügel, Carmen Korn, Lena Gorelik, Ulla Lachauer, Simone Buchholz und Karen Köhler. Plattdeutsch war prominent vertreten u.a. durch Gerd Spiekermann, Karl-Heinz Groth, Frenz Bertram und Dieter Staacken. Besonders beliebt beim Publikum waren die Kabarettisten Gerd Hoffmann, Hans Scheibner (†) und Hans-Hermann Thielke.

Nachdem Reimann schon den Slam-Poeten Bas Böttcher vorgestellt hatte, gewann diese Literaturform durch die Vorstellungen von Björn Högsdal, Mona Harry und Selina Seemann neue Anhänger. Musikalische Höhepunkte waren das Akkordeon-Duo Kratschkowski, die Strottern aus Wien sowie die Auftritte von Boris Guckelsberger, Kalle Johannsen, Jakob Neubauer und Frank Grischek. Große Vortragskunst bot die ergreifende Lesung von „Babettes Gastmahl“ durch die Schauspielerin Angela W. Röders (†), musikalisch begleitet von Jo Claussen-Seggelke und Manuel Knortz.

Ebenfalls unvergessen die Bühnenpräsenz von Dominik Bloh, der lange auf den Straßen Hamburgs gelebt hat, mit Hunger, Kälte und Einsamkeit. Begleitet von seinem Hund erzählte er seinen Werdegang und davon, wie man es schafft, sich mit Mut und Courage von ganz unten hinauf zu kämpfen.

Auch die Programme für Schulkinder waren Teil des neuen Konzepts. So hat die beliebte Kinderbuchautorin Kirsten Boie im Ohlsenhaus gelesen, der Sprechkünstler Rainer Rudloff und der Profi-Zauberer Thorsten Dankworth begeisterten die Jungen und Mädchen.

Durch großzügige Spenden haben es die Kulturstiftungen der Sparkasse und des Kreises sowie zahlreiche Privatpersonen und Firmen aus Stapelholm ermöglicht, dass sich die Reihe „Kultur im Ohlsenhaus“ finanziell selbst getragen hat, ohne die Gemeindekasse zu belasten. Damit war es auch möglich, den Eintrittspreis von 7,50 € über 12 Jahre stabil zu halten.

Viele Mitstreiter haben dafür gesorgt, dass bei den Veranstaltungen alles rund lief, am Mischpult, am Tresen, am Grill und beim Einlass. Vielen Dank dafür an Hanna Porschke, Thomas Reichardt, Helga Carstens, Ursel Thomsen, Heike Kallweit, Hannes Kujanek (†), Klaus Rahn, Lars Brodersen (†), Petra Henningsen, Jan Theede, Simona Temme, Petra Spaarschuh, an Jan Stümpel für die Büchertische, an die Gemeindearbeiter für das unermüdliche Schleppen von Bühnenelementen und Stühlen und an alle anderen, die ihren Beitrag geleistet haben.

Foto: Letzte Saison von Kultur im Ohlsenhaus 2023 mit den Künstlerinnen und Künstlern (v.l.): Hans-Hermann Thielke, Frank Grischek, Nora Luttmer, Moritz Petersen und Jan Schröter, Liv Haym.


Das Ende von „Kultur im Ohlsenhaus“ soll aber nicht bedeuten, dass der Literaturbetrieb in Stapel zum Erliegen kommt. Mit Susanne Hamann und ihrem Team steht eine neue Mannschaft bereit, die Veranstaltungsreihe wird einen neuen Namen erhalten, es wird neue Ideen und auch neue Spielorte geben. Die Vorbereitungen sind bereits in vollem Gange, das Publikum darf gespannt sein!

Heinz Warnecke


Ältere Jahrgänge:

Kultur im Ohlsenhaus 2023

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Kultur im Ohlsenhaus 2019

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Kultur im Ohlsenhaus 2017

Kultur im Ohlsenhaus 2016

Kultur im Ohlsenhaus 2015

Eine Dokumentation „Literatur im Ohlsenhaus“ von 2006 bis 2014